Teamzeit

Über Uns

Das Team hinter dieser Arbeit besteht aus uns – Alissa Beer und Dominikus Frank. Wir sind zwei Masterstudierende an der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd. Der Master ›Strategische Gestaltung‹ ist eine Weiterführung unserer praktisch orientierten Bachelorstudiengänge. Denn »wer heute in der Designbranche bestehen will, muss Praktiker und Stratege in einem sein« (HfG, 2019).
Bevor wir uns gemeinsam dem Studium der ›Strategischen Gestaltung‹ widmeten, vollendete Dominikus an der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd seinen Bachelor im Fachbereich der Produktgestaltung. Sein Bachelorstudium wurde ergänzt durch ein Auslandssemester in Lund, Schweden, sowie mehreren Seminare in der Interaktionsgestaltung. Alissa schloss 2018 ihr Studium zur Kommunikationsdesignerin an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung in Konstanz ab. Ihre Schwerpunkte waren Branding und Fotografie. ›Lösungsorientiert, konzeptgeleitet und zielgerichtet‹ so könnte man unsere Bachelorthemen beschreiben. Während sich Dominikus in Kooperation mit Bosch der Schimmelbekämpfung widmete, gestaltete Alissa Kommunikationsmaterialien für schwangere Migrantinnen in Deutschland.
Der Entschluss, gemeinsam die Masterarbeit zu schreiben, entstand aus dem gemeinsamen Interesse für die theoretische Auseinandersetzung mit der Fachdisziplin Gestaltung. Das Problemfeld durfte größer, das Konzept vielschichtiger und das Ziel ferner sein. Die konkrete Anwendbarkeit soll für uns nicht im Fokus stehen. Wir waren beide der Ansicht, dass die monatelange Bearbeitung eines Themas unserer Wahl, ein Privileg sei, weswegen wir ein Thema wählen wollten, das uns beruflich wie privat begeistert. ›Die Zeitempfindung‹ ermöglichte uns, interdisziplinär zu arbeiten, spannende Gespräche als Podcastepisoden aufzunehmen und unsere eigene Disziplin neu zu entdecken. Wir haben viel über Gestaltung und Zeit, aber auch über uns und voneinander gelernt. Wir hoffen, dass wir es schaffen, Euch durch unsere Masterthesis zu begeistern.
Nach dem Master trennen sich unsere Wege wieder. Dominikus wird noch kurz an der Base in Schwäbisch Gmünd verweilen, bevor es ihn in den fernen Osten zieht. Ob er nach Japan auswandern, sich in ein Studium der Philosophie stürzen oder als Gestalter in der Beratung und im Coaching seinen Platz findet, wird die Zeit zeigen. Alissa wird erstmal ihren Backpack schnappen und als Freelancerin mit einer Freundin durch Europa reisen. Ob sie für immer digitale Nomadin bleibt, als Hochzeitsfotografin in Stuttgart sesshaft wird oder ihre eigene kleine Agentur aufmacht, steht in den Sternen. Wir freuen uns über interessante Gespräche, neue Gesichter und Eure Gedanken. Schreibt uns oder trefft uns auf einen Kaffee im Schwabenländle oder überall sonst auf der Welt.

Time will tell.



Unsere Uchronie

Die Utopie – überall und nirgendwo

Die ›Utopie‹ hat viele Facetten. Thomas Morus gilt als Vater der Utopie und prägte 1516 den Begriff mit seinem Buch ›Utopia‹, in dem es um eine idealistische Gesellschaft auf einer fiktiven Insel geht (Morus & Siefener, 2013). More geht es dabei nicht um die Gesellschaft in Perfektion, sondern um eine beispielhafte Exploration von Ideen, wie eine Gesellschaft sein könnte. Die Design Researcherin Helga Schmid und die Professorin für Soziologie Ruth Levitas sind anderer Auffassung und sehen in der Utopie eine Möglichkeit, ihrem Wunsch nach einer besseren Welt Ausdruck zu verleihen. Der Ursprung des Wortes ist griechisch ›ou-topos‹ steht für ›nirgendwo‹ oder ›Nicht-Ort‹.

Die Uchronie – jederzeit und nirgendwann

Die ›Uchronie‹ ist weniger bekannt. Wörtlich übersetzt bedeutet das Wort ›Uchronie‹ so viel wie ›nirgendwann‹ oder ›Nicht-Zeit‹ und stammt ebenfalls aus dem Griechischen von ›ou-chronos‹. Der Philosoph Charles Bernard Renouvier verwendete den Begriff der Uchronie 1876 in seinem Roman »Uchronie – die Utopie der Geschichte« (Renouvier, 1876). Schmid zufolge lässt der Begriff der ›Uchronie‹ drei Interpretationen zu. Die erste Interpretation der Uchronie würde der Verwendung von Renouvier entsprechen: Die Uchronie als alternative Geschichte. Ein zweiter Ansatz wäre die Uchronie aus etymologischer Sicht zu betrachten und somit das Nichtvorhandensein von Zeit zu untersuchen. Für Schmid selbst ist uchronisches Denken das Denken in temporalen Utopien. Schmid orientiert sich für den dritten Definitionsansatz an der Wissenschaftsforscherin und Professorin Helga Nowotny, die Uchronia als Versuch definiert, der steifen Uhrzeit durch neue Zeitkonzepte zu entfliehen (Schmid, 2017). Das uchronische Denken soll laut Schmid helfen, außerhalb der Grenzen von Uhren und Kalendern zu denken. Ihre Arbeit hinterfragt hierfür die ›zeitgenössische Zeitkrise‹ aus einer gestalterischen Perspektive (Schmid, 2017).
In dieser Masterthesis soll es weniger um den Begriff der Uchronie gehen, sonder vielmehr um die neuen Zeitkonzepte, die wir durch Gestaltung etablieren können. Die folgenden Textabschnitte stellen Fragmente unserer Uchronie dar und sind als Gedankenkonstrukte zu verstehen. Sie sollen die Relevanz der subjektiven Zeitempfindung in der Gestaltung verdeutlichen.

Gedanken zu Human Centered Design

Human-centered-Design (HCD) folgt dem Prinzip, den Nutzer in allen Schritten eines Problemlösungsprozesses mit einzubinden. Den Nutzer in den Mittelpunkt des Gestaltungsprozesses zu stellen, stellt die Grundlage der Lehre in den meisten Designschulen dar. Die Methodik des HCD selbst ist in verschiedenen ISO-Normen festgehalten. Im Grunde handelt es sich um einen iterativen Prozess, in dem vier Phasen durchlaufen werden. In der ersten Phase muss der Nutzungskontext verstanden werden, um das Problem oder das Bedürfnis zu erkennen. Die daraus entstehenden Anforderungen an die Lösung müssen in Phase zwei definiert werden. Gestaltungslösungen werden in Phase drei entworfen und in Phase vier evaluiert. Der Kreislauf wird hier geschlossen und mit den neuen Erkenntnissen werden der Nutzungskontext, die Anforderungen und die Entwürfe neu überdacht

Das Konzept klingt in der Theorie schlüssig, komplex wird es erst in der Anwendung durch zahlreiche detaillierte Methoden und Anforderungen, die im Sinne des HCD ausgearbeitet wurden. Methoden sind beispielsweise Beobachtungsstudien und Interviews. Sie sollen helfen, den Nutzer besser zu verstehen. Anforderungen sind unter anderem ergonomische Richtlinien, welche in diesem Fall einen allgemein gültigen Rahmen schaffen sollen, um Produkte gesundheitsunterstützender zu gestalten. Die Richtlinien der Ergonomie für Tische, Stühle und andere Möbel sind die wohl ältesten und bekanntesten, wurden im Laufe der Zeit vielfältig ergänzt. Unter anderem wurden ergonomische Richtlinien für digitale und analoge Interfaces, Bildschirmanwendungen und Arbeitsplatzbedingungen in die ISO-Normen aufgenommen.
All diese Punkte sind wichtig zu beachten und helfen, Gestaltern nutzerfreundliche Lösungen für Probleme zu entwickeln. Wir sollten uns jedoch der Tatsache bewusst sein, dass die Nutzer der Produkte nur Menschen sind. Wir fokussieren uns zu oft ausschließlich auf das Problem, übersehen dabei jedoch die Komplexität unseres eigenen Organismus. Wenn wir nur die Lösung betrachten und versuchen sie so nutzerfreundlich wie möglich zu gestalten, sind wir in unserem Blickfeld eingeschränkt. Wir sollten deshalb versuchen, zu verstehen, welche Wahrnehmungen, Empfindungen und Gefühle uns Menschen auszeichnen. Dadurch gelangen wir zu einem deutlich größeren Wissensschatz.
Im oben erwähnten Bereich der Ergonomie finden sehr häufig Nutzerstudien statt, während Nutzer zu ihrer Empfindung von Zeit nur äußerst selten befragt und getestet werden. Diese Erkenntnis erklärt auch den Mangel an Richtlinien für zeitsensitive Gestaltung im Berufsfeld des Designs. Um wirklich menschenzentriert zu gestalten, muss der Mensch als Ganzes gesehen werden. Die subjektive Zeitempfindung ist ein relevanter Aspekt, der die wohl wichtigste Ressource unseres Lebens betrifft. Sie sollte im Gestaltungsprozess stärker Beachtung finden.

Möglichkeiten der Wissensetablierung über Zeitempfindung

Welcher Stellenwert der subjektiven Zeitempfindung im Design zugeschrieben wird, wurde im Kapitel ›Zeit im Design‹ bereits erläutert. Dass die subjektive Zeitempfindung für uns alle ein wichtiger Parameter ist, den wir in unserer Gestaltung mit bedenken sollten, hat dieses Kapitel bisher deutlich gemacht. Nun stellt sich die Frage, wie das Wissen und die Erfahrungen über subjektive Zeitempfindung kommuniziert wird, sodass es zum einen überhaupt angenommen wird und zum anderen nachhaltig bestehen bleibt. Wie wird eine achtsame Gestaltung gegenüber unserem Zeitempfinden in Unternehmenskulturen integriert?
Veränderungen laufen in Unternehmen meist auf zwei Arten ab. Eine Möglichkeit ist die ›Top-Down‹ Richtung. Informationen werden vom höheren Management gesammelt, interpretiert und schließlich an die wertschöpfenden Abteilungen delegiert. Dieser Vorgang bringt meist ein niedrigeres Risiko mit sich, da die Führungskräfte auch diejenigen sind, die am besten über die strategischen Ziele des Unternehmens informiert sind. Außerdem ist dieser Weg der schnellere, da er der üblichen Organisationsstruktur folgt. Entscheidungen werden von der Führungsebene getroffen und müssen somit nicht erst bewilligt werden. Negative Aspekte des ›Top-Down‹ Prinzips sind jedoch die geringe Kreativität im Entscheidungsprozess, da die Mitarbeiter in ihren Aufgabenfeldern gehalten werden und es somit einfach weniger Köpfe gibt, die zu extravaganten und innovativen Lösungen gelangen können. Dies kann im Extremfall zu einem Gefühl von diktatorischer Führung bei den Mitarbeitern führen, was Frustration und Senkung der Motivation nach sich zieht.
Eine andere Art, die Denkweise eines Unternehmens zu verändern, ist das ›Bottom-Up‹ Prinzip, was in entgegengesetzte Richtung verläuft. Hierbei werden alle Mitarbeiter, ihre Wahrnehmungen bezüglich des Unternehmens und ihre Ideen miteinbezogen. Eine funktionierende und transparente Kommunikation ist entscheidend für dieses Vorgehen. Die ›Bottom-Up‹ Kommunikation wird auch als Keimlingsmodell beschrieben, da kleine Ideen jedes Mitarbeiters in komplexe und organische Ziele wachsen können, welche möglicherweise zum Erfolg führen (›Top-Down vs. Bottom-Up Approach‹, 2018). Dieses Modell hat zum Vorteil, dass es die firmenweite Kommunikation fördert und eine stärkere moralische Bindung jedes Einzelnen hervorbringt. Im Gegensatz zum ›Top-Down‹ Prinzip entstehen deutlich mehr Ideen und ein größerer kreativer Fundus steht zur Verfügung. Dies kann allerdings auch zu Verzögerungen im Entscheidungsprozess führen, da Meinungsunterschiede und Konflikte zahlreicher vorhanden sind. Außerdem werden Mitarbeiter von ihrer eigentlichen Arbeit abgehalten, was zu einem langsameren Bearbeiten der eigentlichen Aufgaben führt.
Dass die Einbindung der subjektiven Zeitempfindung in den Gestaltungsprozess ein wichtiger Aspekt ist, sollte von so vielen Menschen wie möglich realisiert werden. Da kein unmittelbares Problem vorhanden ist, auf das in der effektivsten Weise reagiert werden muss, besteht kein Grund den Weg des ›Top-Down‹ Prinzips zu verfolgen. Stattdessen soll der Wandel von Denkweisen in den wertschöpfenden Ebenen etabliert werden. Besonders im Gestaltungssektor werden die Entwürfe, die die letztendlichen Entscheidungen initiieren, in der ausführenden Arbeit geschaffen. Somit empfiehlt es sich, nach der ›Bottom-Up‹ Methode zu handeln und bei der Basis anzusetzen, über subjektive Zeitempfindung zu informieren.
Da der Gestaltungsberuf mittlerweile aus unzähligen Subdisziplinen besteht, soll direkt bei den Designstudierenden angesetzt werden. In der Regel gibt es einige Basisstudiengänge wie Produktgestaltung, Kommunikationsgestaltung, Interaktionsgestaltung oder Architektur und Innenarchitektur, in denen die Grundlagen der Gestaltung vermittelt werden. Das Grundstudium soll den Studierenden helfen, eine Sicht auf die Welt zu entwickeln, die ihnen hilft, ihren individuellen Weg zu finden. Kann den Studierenden der Blick für die Zeitgestaltung ebenfalls geöffnet werden, tragen sie diese Einstellung mit in ihren beruflichen Kontext. Da die meisten nach ihrem Studium erstmal in niedrigeren Hierarchien arbeiten werden, wird man so dem ›Bottom-Up‹ Prinzip gerecht. Sollten die Studierenden direkt oder nach einiger Zeit in Führungspositionen landen, dann werden die Entwürfe und Vorschläge der Designer sogar noch bewilligt. Wie die Weitergabe von Wissen bezüglich der Zeitempfindung im Rahmen eines Workshops mit Studierenden getestet wurde, kann in dem Kapitel ›Workshop‹ erfahren werden.

Gedanken zu Raum und Zeit

Betrachten wir den Raum, in dem wir uns befinden. Dieser Raum besteht aus drei Dimensionen – Höhe, Breite, Tiefe – und ist in unserem Verständnis nach außen (oder nach innen) abgegrenzt. Ist es unser Wohnzimmer, in dem wir uns aufhalten, der Marktplatz, auf dem wir stehen, oder das Land, in dem wir uns befinden? Wir könnten so weit gehen zu sagen, dass unser Raum das Universum ist. Um den Vergleich von Raum und Zeit auf die Gestaltung zu übertragen, ist dies jedoch nicht nötig.
Wir sind in der Lage, Dinge im Raum zu verändern. Im klassischen Sinne können wir Objekte formen und Produkte schaffen. Aber auch im weiter gefassten Designbegriff, wenn wir digitale Produkte schaffen, wenn wir Dienstleistungen gestalten und wenn wir Texte über unsere Gesellschaft verfassen, auch dann gestalten wir den Raum, der uns umgibt. Das Beispiel ›Film‹ mag helfen, den Punkt von Raum und Zeit zu verstehen. Ein Film verändert sich im Laufe der Zeit einige Male. Doch die einzelnen Bilder ändern sich nicht in der Dimension der Zeit, sondern in den drei Dimensionen des Raumes über den Verlauf der Zeit hinweg. Der Regisseur gestaltet also nicht die Zeit im zeitbasierten Medium, sondern den Raum, den der Betrachter wahrnimmt. Ein einfacheres Beispiel wäre ein Weinglas, das von einem Tisch fällt. Das Glas zerspringt, wenn es unten am Boden ankommt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sich die Zeit verändert hat, sondern nur, dass sich die Form des Glases im Raum transformiert hat.
Die Fragen, ob die Zeit denn zu fließen vermag und was ›die Zeit‹ überhaupt ist, werden in den Ressorts der Philosophie und der Physik behandelt. Wir gelangen von einem Zeitpunkt in den nächsten, ohne, dass wir etwas daran ändern können. Gehen wir also davon aus, dass wir ausschließlich Höhe, Tiefe und Breite unseres Raumes gestalten können, nicht aber die zeitliche Dimension. Wenn wir akzeptieren können, dass wir die Zeit selbst nicht gestalten, sollten wir dann nicht den Fokus umso stärker darauf legen, wie die Zeit empfunden wird?

Du hoerst lieber zu,
anstatt selbst zu lesen

Wir sprechen mit Menschen aus unterschiedlichsten Disziplinen über das Thema »Gestaltungsmöglichkeiten subjektiver Zeitempfindung«. Der Podcast »Gesprächszeit«‚ ist Teil unserer Masterthesis und soll dir tiefere Einblicke in das Thema der Zeitempfindung bieten.